Liebe UnterstützerInnen, liebe Freunde und Verwandte,
Dass man tatsächlich geht, realisiert man wohl erst, wenn
es soweit ist. Und so weiß ich, dass es praktisch nur noch wenige Tage sind, bis
ich Puerto Cabezas ersteinmal den Rücken kehren werde. Natürlich immer mit
einem Blick über die Schulter; denn Abschied bedeutet auf keinen Fall
vergessen.
Was ich fühle angesichts meines Abschieds? Ich denke, ich
könnte manchmal von innerer Ruhe sprechen. Trotz einigen anfänglichen Schwierigkeiten
haben wir hier viel von dem erreicht, was wir uns vorgenommen haben und haben
unseren Freiwilligendienst als solchen gelebt.
Konstante
Veränderungen – niemals stehen bleiben.
Nicaragua trägt nicht umsonst den Namen
„Entwicklungsland“. Da Systeme, Organisationsstrukturen und Abläufe im
Vergleich zu Europa hier noch nicht ausgereift und stabil sind oder meist noch
gar nicht existieren, sind Wechsel viel spürbarer und eindringlicher als in
Deutschland.
In meiner Einsatzstelle kann ich von ständiger
Verbesserung mit einigen Rückschlägen sprechen. Nachdem wir uns eingearbeitet
hatten, gab es immer das Grundproblem, dass es entweder zu viel oder zu wenig
Arbeit für uns Freiwillige gab. Seit Mai besitzt jeder „educador“ seinen
persönlichen Stundenplan und unsere Aufgabenbereiche sind klar gegliedert, was
für mich für eine Institution hier vor Ort schon eine besondere Leistung ist. Seit
wir diesen Stundenplan haben, gibt es also nicht mehr reichlich oder kaum etwas
zu tun, sondern nur noch eine Menge, vor allem für uns Freiwillige, weil wir zusaetzlich
eigene Projektarbeiten mit den Kindern durchführen. Dennoch möchte ich mich auf
keinen Fall beschweren, denn es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden.
Auch die Psychologin Froukje, die bis Juli als
Freiwillige in der Fundación gearbeitet hat, hat wieder neuen Wind in unsere
Arbeit gebracht. Dank ihr haben wir nun begonnen, eine Zusammenfassung der
Lebenssituation jedes Kindes zu erstellen und aufgrund dieser,
Problemsituationen herauszufinden und Ziele festzulegen, für die wir uns ganz
konkrete Schritte ausdenken, um sie zu erreichen. Das ist notwendig, da Erfolgserlebnisse
in Bildungs- und Betreuungsprojekten wie die der Fundación schwierig zu
erkennen sind, weil man sie nicht physisch (wie zum Beispiel bei
Krankenhauspatienten, die sich erholen) erkennen kann, sondern sie größtenteils
mit der Gefühlslage, den Einstellungen oder Beziehungen zu Familienangehörigen der
Kinder zu tun haben. So kommt es vor, dass man frustriert ist, weil man denkt,
dass man mit einem Kind nichts erreicht hat, weil man schlecht offensichtliche
Vergleiche zu vorherigen Situationen ziehen kann. Zudem hat uns, was die
Probleme der 80 Kinder anging, schlichtweg der Überblick gefehlt. Die
sogenannten „metas“ (Ziele) sollen uns bei beidem helfen: Wir sind aufgeklärt
über die Schwierigkeiten der Kinder und können gemeinsam konkrete Ziele setzen
und diesen jeden Tag ein Stück näher kommen.
Durch all diese Abläufe habe ich gelernt, wie umfassend
unsere Arbeit doch ist, wie sehr sie von Menschen abhängt und wie unberechenbar
diese manchmal sind. Für uns als Hilfsprojekt reicht es nicht, zu glauben, wenn
wir nun eintausend Dollar erhalten, ist es uns möglich genau zwanzigtausend
Kindern nachhaltig zu helfen, denn neben durchaus wichtigen materiellen Gütern
müssen wir eine Menge mehr investieren, vor allem die Zeit und das Engagement, zu
betreuen, zuzuhören, zu lehren und immer bereit zu sein, zu handeln.
An vielen Personalwechseln hier in der Fundación habe ich
zudem bemerkt, wie unberechenbar Menschen sind. Der Grund, der die educadores
oder Arbeiter hier zur Kündigung bewegt, ist oftmals ein niedriger Lohn. Die
Fundación finanziert sich über Spenden und muss zeitweise doch sehr auf ihre
Finanzen achten, um alle Materialien, Nebenkosten und das gesamte Personal
bezahlen zu können. Erst vor kurzem haben zwei Angestellte gekündigt, weil sie
bessere Arbeitsmöglichkeiten in Panamá gefunden hatten. Zudem wird mit uns
zusammen eine langjährige „educadora“ namens Cherry aufhören. Es ist traurig,
sich von so vielen Menschen verabschieden zu müssen und zu sehen, wie sich die
Fundación bemühen muss, neue, engagierte Menschen zu finden, sie einzuarbeiten
und mit dem notwendigen Wissen zu füttern und zu hoffen, dass die Erfahrung sie
reifen lässt.
Auch im Privatleben gab es für uns eine große
Veränderung. Wir Freiwillige haben seit März unser Leben in Gastfamilien gegen
Zimmer im Nebengebäude der Fundación eingetauscht, fünf Schritte von unseren
Büros entfernt. Einerseits waren wir erpicht auf unsere Unabhängigkeit, abends
auszugehen oder mal wieder selbst zu kochen und uns alleine zu organisieren. Genau
diese Möglichkeiten haben wir hier in der Fundación, zusammen mit fließendem
Wasser (zumindest meistens) und Einbruchssicherheit durch einen Wachmann.
Dennoch hat es auch seine Schattenseiten, hier zu leben, denn durch die Kinder
und Arbeiter, die bereits morgens während unseres Frühstücks hier ankommen, ist
man meiner Meinung nach doch ziemlich in seiner Privatsphäre eingeschränkt und
an meinen freien Tagen zieht es mich förmlich heraus aus der Fundación, um den
Kopf komplett von der Arbeit frei zu bekommen und unter Einheimische zu kommen.
Erwartungen
– ein Jahr lang gelehrt und gelernt.
Im
Bezug darauf, einer komplett neuen Kultur und Lebensweise näher zu kommen und
viel über diese zu erfahren, wurden meine Erwartungen komplett erfüllt, was vor
allem an meinem Gastvater liegt. Für mich ist dieser Mann ein Roman der
Miskito-Kultur und ein Lexikon der lateinamerikanischen Geschichte. Niemand
hier hat mir so viele Hintergründe erklärt oder Informationen gegeben, um
Verhaltensweisen und Systeme, wie zum Beispiel die Kirche oder die Mentalität
zu erfassen. Er hat sich so viel Zeit
genommen, mit mir über Politik oder Wirtschaftssysteme in Lateinamerika zu
diskutieren und mich darüber hinaus als Person aus einem anderen Kulturkreis zu
begreifen. Bis in sein Herkunftsdorf am Río Coco durfte ich reisen, um die
Wirklichkeit der Menschen dort kenenzulernen. Zum Abschied hat er mir ein
Gedicht gewidmet, das mich sehr gerührt hat.
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| Fahrt über den Fluss Pispis in hohlem Baumstamm |
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Rückkehr
| Rückkehr in der comunidad Bethlehem |
Wenn ich daran denke, nach Deutschland zurückzukehren,
kann ich mir das alles noch gar nicht so richtig vorstellen. Es ist, als ob man
aus einer Seifenblase heraustritt, wieder hineingeworfen wird in eine Welt, die
überladen ist mit Reizen und Menschen und in der eine andere Uhr die Stunde
schlägt. Aber ich freue mich auf mein neues Leben, mein Studium und darauf,
alle Familienangehörige und Freunde wiederzusehen. Obwohl mir der Dienst hier
viel gegeben hat und ich mich hier in Puerto Cabezas wirklich wohl fühle, weiß
ich, dass ich diese Arbeit nicht für immer machen könnte, weil mir bei allem
Unterrichten das wissenschaftliche Lernen gefehlt hat und es in Puerto so viele
Standards einfach nicht gibt, die in Europa meine Gesundheit garantieren.
Vor
allem aber bleibt eine große Dankbarkeit für dieses Jahr, für all die
Erfahrungen, die ich machen durfte, nach Deutschland mitnehme und Ihnen und euch hoffentlich auch
persönlich davon berichten werde.
Viele liebe Grüße und bis bald,
Tabea
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