Mittwoch, 15. August 2012

3. Zwischenbericht


Liebe UnterstützerInnen, liebe Freunde und Verwandte,

Dass man tatsächlich geht, realisiert man wohl erst, wenn es soweit ist. Und so weiß ich, dass es praktisch nur noch wenige Tage sind, bis ich Puerto Cabezas ersteinmal den Rücken kehren werde. Natürlich immer mit einem Blick über die Schulter; denn Abschied bedeutet auf keinen Fall vergessen.
Was ich fühle angesichts meines Abschieds? Ich denke, ich könnte manchmal von innerer Ruhe sprechen. Trotz einigen anfänglichen Schwierigkeiten haben wir hier viel von dem erreicht, was wir uns vorgenommen haben und haben unseren Freiwilligendienst als solchen gelebt.


Konstante Veränderungen – niemals stehen bleiben.

Nicaragua trägt nicht umsonst den Namen „Entwicklungsland“. Da Systeme, Organisationsstrukturen und Abläufe im Vergleich zu Europa hier noch nicht ausgereift und stabil sind oder meist noch gar nicht existieren, sind Wechsel viel spürbarer und eindringlicher als in Deutschland.
In meiner Einsatzstelle kann ich von ständiger Verbesserung mit einigen Rückschlägen sprechen. Nachdem wir uns eingearbeitet hatten, gab es immer das Grundproblem, dass es entweder zu viel oder zu wenig Arbeit für uns Freiwillige gab. Seit Mai besitzt jeder „educador“ seinen persönlichen Stundenplan und unsere Aufgabenbereiche sind klar gegliedert, was für mich für eine Institution hier vor Ort schon eine besondere Leistung ist. Seit wir diesen Stundenplan haben, gibt es also nicht mehr reichlich oder kaum etwas zu tun, sondern nur noch eine Menge, vor allem für uns Freiwillige, weil wir zusaetzlich eigene Projektarbeiten mit den Kindern durchführen. Dennoch möchte ich mich auf keinen Fall beschweren, denn es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden.
Auch die Psychologin Froukje, die bis Juli als Freiwillige in der Fundación gearbeitet hat, hat wieder neuen Wind in unsere Arbeit gebracht. Dank ihr haben wir nun begonnen, eine Zusammenfassung der Lebenssituation jedes Kindes zu erstellen und aufgrund dieser, Problemsituationen herauszufinden und Ziele festzulegen, für die wir uns ganz konkrete Schritte ausdenken, um sie zu erreichen. Das ist notwendig, da Erfolgserlebnisse in Bildungs- und Betreuungsprojekten wie die der Fundación schwierig zu erkennen sind, weil man sie nicht physisch (wie zum Beispiel bei Krankenhauspatienten, die sich erholen) erkennen kann, sondern sie größtenteils mit der Gefühlslage, den Einstellungen oder Beziehungen zu Familienangehörigen der Kinder zu tun haben. So kommt es vor, dass man frustriert ist, weil man denkt, dass man mit einem Kind nichts erreicht hat, weil man schlecht offensichtliche Vergleiche zu vorherigen Situationen ziehen kann. Zudem hat uns, was die Probleme der 80 Kinder anging, schlichtweg der Überblick gefehlt. Die sogenannten „metas“ (Ziele) sollen uns bei beidem helfen: Wir sind aufgeklärt über die Schwierigkeiten der Kinder und können gemeinsam konkrete Ziele setzen und diesen jeden Tag ein Stück näher kommen.
Durch all diese Abläufe habe ich gelernt, wie umfassend unsere Arbeit doch ist, wie sehr sie von Menschen abhängt und wie unberechenbar diese manchmal sind. Für uns als Hilfsprojekt reicht es nicht, zu glauben, wenn wir nun eintausend Dollar erhalten, ist es uns möglich genau zwanzigtausend Kindern nachhaltig zu helfen, denn neben durchaus wichtigen materiellen Gütern müssen wir eine Menge mehr investieren, vor allem die Zeit und das Engagement, zu betreuen, zuzuhören, zu lehren und immer bereit zu sein, zu handeln.
An vielen Personalwechseln hier in der Fundación habe ich zudem bemerkt, wie unberechenbar Menschen sind. Der Grund, der die educadores oder Arbeiter hier zur Kündigung bewegt, ist oftmals ein niedriger Lohn. Die Fundación finanziert sich über Spenden und muss zeitweise doch sehr auf ihre Finanzen achten, um alle Materialien, Nebenkosten und das gesamte Personal bezahlen zu können. Erst vor kurzem haben zwei Angestellte gekündigt, weil sie bessere Arbeitsmöglichkeiten in Panamá gefunden hatten. Zudem wird mit uns zusammen eine langjährige „educadora“ namens Cherry aufhören. Es ist traurig, sich von so vielen Menschen verabschieden zu müssen und zu sehen, wie sich die Fundación bemühen muss, neue, engagierte Menschen zu finden, sie einzuarbeiten und mit dem notwendigen Wissen zu füttern und zu hoffen, dass die Erfahrung sie reifen lässt.
Auch im Privatleben gab es für uns eine große Veränderung. Wir Freiwillige haben seit März unser Leben in Gastfamilien gegen Zimmer im Nebengebäude der Fundación eingetauscht, fünf Schritte von unseren Büros entfernt. Einerseits waren wir erpicht auf unsere Unabhängigkeit, abends auszugehen oder mal wieder selbst zu kochen und uns alleine zu organisieren. Genau diese Möglichkeiten haben wir hier in der Fundación, zusammen mit fließendem Wasser (zumindest meistens) und Einbruchssicherheit durch einen Wachmann. Dennoch hat es auch seine Schattenseiten, hier zu leben, denn durch die Kinder und Arbeiter, die bereits morgens während unseres Frühstücks hier ankommen, ist man meiner Meinung nach doch ziemlich in seiner Privatsphäre eingeschränkt und an meinen freien Tagen zieht es mich förmlich heraus aus der Fundación, um den Kopf komplett von der Arbeit frei zu bekommen und unter Einheimische zu kommen.


Erwartungen – ein Jahr lang gelehrt und gelernt.
Als ich nach Nicaragua kam, war ich davon überzeugt, schnell mit Menschen in meinem Alter Freundschaften zu schließen. Das hat sich hier an der Küste jedoch als recht schwierig herausgestellt. Abgesehen vom allgegenwärtigen „Machismo“-Problem gibt es hier denke ich vor allem eine grundsätzliche Schwierigkeit und das ist der starke Unterschied zwischen einem Lebensentwurf in Puerto Cabezas und in Pforzheim. Während ich zum Beispiel noch über mein kommendes Studienfach spreche, bekommen viele gleichaltrige Frauen hier ihr erstes Kind und heiraten. Zudem kommt das wirtschaftliche Problem. Die meisten Jugendlichen hier haben keine Mittel, um auszugehen oder ein Hobby zu bezahlen und diejenigen die besser situiert und emanzipiert sind, nutzen ihre Chance und ziehen zum Studieren an den Pazifik. Im Nachhinein denke ich, dass ich wohl einfach zu viel erwartet habe, denn selbst in Deutschland benötigen starke zwischenmenschliche Bindungen ihre Zeit. Deshalb bin ich umso glücklicher über die wenigen Freunde, die wir gefunden haben, und dadurch, dass ich mit meiner Gastfamilie in regem Kontakt bleibe, mangelt es mir keinesfalls an sozialen Bindungen.
Im Bezug darauf, einer komplett neuen Kultur und Lebensweise näher zu kommen und viel über diese zu erfahren, wurden meine Erwartungen komplett erfüllt, was vor allem an meinem Gastvater liegt. Für mich ist dieser Mann ein Roman der Miskito-Kultur und ein Lexikon der lateinamerikanischen Geschichte. Niemand hier hat mir so viele Hintergründe erklärt oder Informationen gegeben, um Verhaltensweisen und Systeme, wie zum Beispiel die Kirche oder die Mentalität zu erfassen. Er hat  sich so viel Zeit genommen, mit mir über Politik oder Wirtschaftssysteme in Lateinamerika zu diskutieren und mich darüber hinaus als Person aus einem anderen Kulturkreis zu begreifen. Bis in sein Herkunftsdorf am Río Coco durfte ich reisen, um die Wirklichkeit der Menschen dort kenenzulernen. Zum Abschied hat er mir ein Gedicht gewidmet, das mich sehr gerührt hat.

Auch meine Einsatzstelle hat meine Erwartungen nicht enttäuscht. Dennoch war die Arbeit mit der Kirche, für die ich einmal in der Woche Englischunterricht gegeben habe und in deren Rahmen wir Freiwilligen im Mai nach Musawás, in die Hauptstadt der Mayangna-Indianer gereist sind, oftmals etwas chaotisch, da man sehr viel Eigeninitiative zeigen musste, um seinen Platz in diesem Geflecht zu finden. Die Erfahrung, nach Musawás zu reisen, war sehr interessant und intensiv, aber auch herausfordernd. Wir verbrachten zwei Wochen fast ohne Strom und in sehr einfachen Bedingungen, wir schliefen zum Beispiel ohne Matratzen auf Holzbrettern, gingen auf Plumsklos, badeten im Fluss und aßen fast ausschließlich Bohnen und Kochbananen. 

Fahrt über den Fluss Pispis in hohlem Baumstamm
Dennoch war es uns möglich, viele Projekte mit den Mayangna-Indianern zu realisieren. Den Kindern der comunidades brachten wir viele Spiele bei, sprachen mit ihnen über Umweltprobleme, kochten mit den Frauen, räumten die comunidad auf und gaben Englisch- und Geografieunterricht an den Schulen. Nach langen Märschen durch den Urwald von Dorf zu Dorf waren wir auch wieder froh, an jenen Ort zurückzukehren, der mittlerweile für uns die Stellung „Zivilisation“ besaß – Puerto Cabezas.

Hier in der Fundación, wo ich viermal in der Woche meinen Dienst ableiste, haben wir meiner Meinung eine Menge zuwege gebracht. Neben regelmäßigen Haus- und Schulbesuche und Vorbereitungen für Hausaufgabenbetreuung, Diskussionsrunden und Spielen führten wir Freiwilligen unsere eigenen Projekte durch. Neben Flötenunterricht begannen wir Anfang Juni mit den Jugendlichen noch einen Theater- und Musicalkurs und brachten es zu einer kleinen Aufführung. Nebenher gab ich noch Alfabetisierungsklasse für meine Schülerin Bertha. Einerseits wurde einiges von uns als Freiwilligen erwartet. Zum anderen besaßen wir eine Menge Freiräume für kreative Ideen und Selbstverwirklichung und so durften wir unsere Projekte alleine ausarbeiten und unter Absprachen selbständig durchführen. Durch diese Möglichkeit bin ich eigenständiger geworden, habe durch Ausprobieren an wertvoller Erfahrung gewonnen, musste aber auch lernen, Kritik einzustecken, und habe mich selbst ein Stück mehr kennengelernt. 
 
Rückkehr
Rückkehr in der comunidad Bethlehem
Wenn ich daran denke, nach Deutschland zurückzukehren, kann ich mir das alles noch gar nicht so richtig vorstellen. Es ist, als ob man aus einer Seifenblase heraustritt, wieder hineingeworfen wird in eine Welt, die überladen ist mit Reizen und Menschen und in der eine andere Uhr die Stunde schlägt. Aber ich freue mich auf mein neues Leben, mein Studium und darauf, alle Familienangehörige und Freunde wiederzusehen. Obwohl mir der Dienst hier viel gegeben hat und ich mich hier in Puerto Cabezas wirklich wohl fühle, weiß ich, dass ich diese Arbeit nicht für immer machen könnte, weil mir bei allem Unterrichten das wissenschaftliche Lernen gefehlt hat und es in Puerto so viele Standards einfach nicht gibt, die in Europa meine Gesundheit garantieren. 

Vor allem aber bleibt eine große Dankbarkeit für dieses Jahr, für all die Erfahrungen, die ich machen durfte, nach Deutschland  mitnehme und Ihnen und euch hoffentlich auch persönlich davon berichten werde.
Viele liebe Grüße und bis bald,
Tabea

Donnerstag, 5. Juli 2012

Die letzten Wochen


Wenn wir ehrlich sind, sind „letzte Zeiten“ doch irgendwie seltsam. Die letzte Zeit in der Grundschule, die Zeit nach dem Abitur und eben auch die letzten 100m eines Freiwilligendienstes.
Ich habe von vielen Freiwilligen gehört, die gesagt haben „Ich will hier nicht weg! Es ist so toll! Ich kann jetzt nicht nach Deutschland zurück!“.
Aber wenn ich ehrlich bin, ist es bei mir zweigeteilter.
Mangomousse zum Frühstück

Dass ich hier nicht mein Leben lang bleiben will, weiß ich, aber mir ist auch klar, dass ich einige Dinge und Menschen hier in Deutschland  sehr vermissen werden. Ich genieße die letzten Wochen mit den Kindern und der Arbeit, unsere Wochenenden mit Sonnenschein und Strand, tanzen, Zeit mit Gastfamilie und Freunden zu verbringen und Zeit für Dinge zu finden, die ich in Deutschland wohl so schnell nicht mehr haben werde.
Aber wie es meine Patentante einmal formuliert hat: „Jetzt ist auch mal wieder gut!“ und ich glaube, dadurch, dass ich mich von Anfang an darauf eingestellt habe, hier ein Jahr und keine drei Jahre zu verbringen, werde ich hoffentlich gut mit dem Abschied fertig werden. 

Einige Dinge der ansässigen Kultur sind immer noch schwierig für mich und dadurch, dass ich mit zwei anderen Freiwilligen zusammenwohne, gibt es immer Möglichkeiten zu reflektieren, was hilft, sich nicht alleine zu fühlen, aber andererseits bietet es auch Platz, sich über viele Dinge hier aufzuregen,; obwohl wir uns an viele Dinge, die den Quotendeutschen stören könnten, praktisch gewöhnt haben.
Abendessen -mal wieder kein Strom
Ich spreche hier von bis zu drei Stromausfällen am Tag (manchmal gibt es 4 Stunden Strom am Tag), oder davon, kein Wasser zu haben und dann mit eher minder sauberem Brunnenwasser duschen oder abwaschen zu müssen. Oder davon, ständig irgendwelche Magenprobleme zu haben.

An manche Kleinigkeiten jedoch werde ich mich wohl nie komplett gewöhnen können, weil wir drei Freiwilligen einfach zu viel Möglichkeiten haben, sie mit unserer deutschen Mentalität zu vergleichen.
Zum Beispiel an die Schwierigkeit in Nicaragua eine Schlange zu formen :D Es scheint, als sei es zumindest bei uns im Ort einfach nicht möglich, sich geordnet anzustellen. Als wir im Nachbarland Costa Rica unterwegs waren und sich die Menschen in Reih und Glied vor dem Einstieg des Nachtbusses angestellt haben, waren wir förmlich verwirrt. Wenn ich dann mal wieder in einer Apotheke stehe, eigentlich drankommen müsste und wieder jemand hereingestürmt kommt und sich mir nichts dir nichts an mit vorbeiquetscht und ohne Scham sein Begehren nennt, als würde ich nicht gerade neben oder hinter ihm stehen, denke ich mir immer „Ruhig bleiben!".
Andererseits sind die Menschen zum Glück nicht nur in dieser Hinsicht "lockerer" sondern auch  in vielen positiven Dingen wie Spontanität und Gastfreundschaft.
 Eine andere Sache ist die Esskultur mancher Leute in unserem Umfeld. Dazu einige Anekdoten: Als am Geburtstag meiner Mitfreiwilligen das Buffet eröffnet wurde, stürmte eine educadora los und begann etwas später, patí in Servietten einzupacken und als jemand sie fragte, was sie da mache, sagte sie „ist doch ok, wenn ich auch noch was für meine ganzen Nichten und Neffen mitnehme, oder?“. Als Jenny, meine Mitfreiwillige, alle nach der Arbeit einlud, um den übriggebliebenen Kuchen bei uns zu verspeisen, selbst jene, die bei der Feier ohne Entschuldigung nicht erschienen waren, kam es erneut zu einem für uns unverständlichen Kommentar. Nachdem nämlich jeder ein Stück abbekommen hatte, sagte eine der educadoras, die beim Fest zuvor nicht einmal abgesagt hatte ernsthaft: „Hey, ich will mehr! Jenny, gibt mir noch mehr Kuchen!“. Manchmal fragen wir uns, ob das nicht doch als schlechter Scherz gemeint war, aber wir sind uns auch sicher, dass etwas wahres und ernstes dahinter steckt.
Gesittetes Mittagessen mit den educadores :D




Gut lässt sich das Ganze vor dem Hintergrund des Hurrikans Felix erklären, da während dieser Zeit im Jahr 2007 Nahrungsmittel knapp waren und man um die Hilfsgüter, die hier an der Küsten ankamen, kämpfen musste und darum streiten musste, etwas vom kleinen Kuchen abzubekommen.
Manchmal löst ein solches Verhalten bei uns jedoch Unverständnis aus. Ist ja auch irgendwie logisch, oder? Wer von uns musste jemals in seinem Leben um Nahrungsmittel kämpfen, um den Hunger zu unterdrücken?
Diese Dinge führen einem wieder vor Augen, wie unterschiedlich unsere Realitäten doch sind, und wie genau das es erschwert, Annahme und Freundschaft aufzubauen. Außerdem zeigen die Erklärungsversuche auch, wie wichtig es ist, bestimmte Verhaltensmuster vor dem kulturellen und geschichtlichen Hintergrund zu betrachten, um sich nicht wie wir manchmal über sie aufzuregen.
Trotzdem bin ich froh, dass dieses Verhalten nicht auf den Großteil zutrifft und dass ich dadurch außer meinen zwei Mitfreiwilligen hier Menschen habe, die mich verstehen und mit denen ich gute Gespräche führen kann.
Arbeiten in der Fundación - Ein Brief an Bethany Hamilton verfassen

Dadurch dass wir seit März hier in der Fundación leben UND arbeiten, brauche ich manchmal einfach eine Zeit, um mich von all dem zu entfernen. Wenn man von unserem Gebäude eben die ganze Zeit die Büros auf der anderen Seite sieht, denkt man automatisch an die Arbeit, was gut ist, denn dafür sind wir ja schließlich hier. Andererseits brauche ich auch mal Abstand, der sich ganz konkret in Ortswechseln wiederspiegelt.
Abendessen in der Fundación mit Julio
In letzter Zeit sind in der Fundación viele Dinge passiert, mit denen wir erst einmal fertig werden müssen. Zum Beispiel ist der nahe stehende Bruder eines Jugendlichen, der Soldat war, vor einer Woche erschossen worden, eine Jugendliche ist hochschwanger oder die Mutter eines Fundacionskindes wurde nachts von ihrem Lebensgefährten mit der Machete angegriffen. Solche Situationen müssen auch wir als Freiwillige zunächst reflektieren und uns überlegen, wie wir mit dem betroffenen Kind umgehen sollen und wie wir ihm helfen können.
Deshalb verbringe ich zur Zerstreuung in letzter Zeit viel Freizeit im Haus meiner Gastfamilie oder besuche Walter, einen unserer Freunde auf der Arbeit oder zu Hause. 
Abends gehe ich meistens Sport machen, wenn nicht wie so oft der Strom im Trainingsraum ausfällt oder wir gehen an den Strand, tanzen oder auf den Markt.
Geburtstagskuchen meines Gastpas
Für letztes Wochenende habe ich es endlich geschafft, meine Gastfamilie hierher einzuladen und sie zu bekochen und sonst sind die Mehrheit der wenigen noch kommenden Wochenenden verplant.



Ich denke, die Rückkehr nach Deutschland wird ein ganz eigener Kulturschock werden, da ich hier in Nicaragua auf viele Dinge verzichten musste, weil es viele Strukturen, Angebote und Standards hier einfach nicht gibt!
Für kommenden Freitag habe ich mir vorgenommen, nach meinen Englischklassen mit einem Freund an die Uni zu fahren, die etwas weiter außerhalb Puertos liegt, um mir einige Vorlesungen anzuhören, um auch mal wieder in die Rolle der Lernenden zu schlüpfen. Aber zuerst gehe ich waschen, per Hand, mit Holzwaschbrett, wie ich es vor 11 Monaten angefangen habe. Hoffentlich gibt es Wasser!
Manche Dinge sind wirklich schon sehr normal geworden hier.

Alles Liebe und bis bald,
Tabea

Schön, manche Momente festhalten zu können <3

Samstag, 12. Mai 2012

„Mi tierra … no se vende!“ (Mein Land …. ist unverkäuflich)

 Besonderheiten der Küste/ Besonderheiten der Miskito Kultur

Ja es stimmt, ihr Land ist nicht käuflich! Ich spreche von den Miskitos, den Indigenen der Karibikküste Nicaraguas. Die Mehrheit der Grundstücke in Puerto Cabezas gehören ihnen, oder besser gesagt ihrer „comunidad“ (Gemeinschaft) und werden nur vermietet, bzw. sind für Mitglieder dieser „comunidades“ kostenfrei.
Das ist eine Weise, ihr Land, ihren Einfluss und vor allem ihre Kultur zu bewahren.
Die Miskitos sind die größte vielen Ethnien hier in Puerto Cabezas und besitzen ihre eigene Sprache, die man oft auf den Märkten aber auch in den Wohnhäusern hört und die ich gerade versuche zu lernen.
Heute sind sie größtenteils Mitglieder der „Iglesia Morava“, einer Kirche die evangelische Missionare der Herrenhuter Brüdergemeinde aus Deutschland nach Nicaragua gebracht haben.
Ihre strengen Regeln definieren die „Iglesia Morava“ für deren Gottesdienst die Frauen sich am Sonntag ihr schönstes Kleid und die Männer ihre beste Krawatte anziehen und eng beisammen in einer überfüllten Kirche dem hoch thronenden Pastor lauschen, der nach der Bibel und gern über die vielen Sünden predigt.
Vollbesetzte Kirche am Sonntag

Kirche in einer comunidad

Die Kirche ist hier eine wichtige Institution, weil sie so viele Angebote, auch für Jugendliche, bereithält. Es gibt viele Chöre, Zusammenkünfte, Kochaktionen und manchmal glaube ich, es ist auch eine Art Freizeitbeschäftigung der Menschen hier, in ihrer Kirche tätig zu sein und somit als angesehener Teil der Gesellschaft betrachtet zu werden.
Nichtsdestotrotz existieren immer noch viele Mythen und Geschichten, von denen sich die Miskitos noch nicht ganz losgesagt haben und so glaubt man immer noch an Männer, die Hexer sind und Frauen in ihren Bann ziehen können, wenn diese sie zurückweisen, man glaubt an eine Meerjungfrau namens „Liwa Mairin“ und an eine rätselhafte Krankheit namens „kraisi siknis“ (crazy sickness), an der vor allem junge Miskito-Frauen leiden, die unglaubliche Kräfte entwickeln und Anfälle bekommen.  So auch zwei junge Mädchen der Fundación, die, an Attacken leidend, nicht zum Unterricht kommen können.
Von einigen wird diese Krankheit auf das Leiden der Miskitos während des Bürgerkriegs zurückgeführt und auf ihren ständigen Kampf ums Überleben. Ihre Existenz lässt sich nicht leugnen, aber dennoch bleibt ihre Ursache rätselhaft.

Dienstag, 24. April 2012

Soy lo que sostiene mi bandera „Ich bin, der seine Flagge verteidigt und aufrechthält“


Politik und Medien

Oh ja, in Nicaragua lässt sich noch Patriotismus spüren, anders als in formaler und gedämpfter deutscher Politik. Allein geschichtlich hat die Bevölkerung dieses Landes, zerrissen vom Bürgerkrieg der 1980er Jahre und gezeichnet von korrupten Politikern wie Arnoldo Alemán die Veranlagung, zu diskutieren und zu rebellieren.
Erstaunlich viele Menschen haben hier eine politische Meinung und wissen über die aktuelle politische Lage Bescheid. Und warum? Weil die Politik die Leute affektiert, weil sie in ihr leben, jeden Tag.
Es gibt hier auch so viele Idealisten, dass mir manchmal gleichzeitig ein verschmitztes Lächeln und Freudentränen kommen!
Viele Menschen hier haben noch Visionen; den Mut, Dinge anzupacken (auch wenn alles etwas langsamer läuft).
Wenn man auf Corn Island am Strand läuft und einem Fischer begegnet, der sich über das beschwert, was es in Europa längst gibt, nämlich das Leerfischen der Meere und der hofft, dass die Fischer in seinem Dorf wieder zusammenarbeiten, anstatt sich in Konkurrenz zu üben, der sagt, dass wenn man den ganzen Reichtum auf der Welt aufteilen würde, jeder genug hätte; der von der Wirtschaftskrise spricht und darüber, dass sie selbst an der Ostküste Nicaraguas zu spüren ist, der sagt, dass Gott ihm mit dieser Insel das Paradies geschenkt hat, aber dass die Menschen im Begriff sind, es zu zerstören, mit ihrer Gier nach „mehr“ und der ein Gottvertrauen besitzt, das Berge versetzen könnte, dann ist man als Europäer auf gewisse Weise schockiert von mancher Irrationalität, die dieser Spinner an den Tag legt, aber andererseits auch gerührt von dieser unverfälschten Einstellung, das Beste für diese Welt zu wollen und auf seine Hoffnung zu vertrauen.

Während der Präsidentschaftswahlen im November praktizierte man reichlich Propaganda, begonnen von T-Shirt Aktionen und Demos und gefolgt von politischen Parolen, die als Lieder samt Videoclip im Fernsehen auf- und abliefen.
So besaß bald jeder Präsidentschaftskandidaten, allen voran der amtierende Präsident Ortega, der erneut wiedergewählt wurde („Y otra, otra vez triunfará Nicaragua“ – Und erneut, erneut triumphiert Nicaragua) ein eigenes Lied.
Hauptsächlich die FSLN mobilisierte viele Jugendliche und an den Tagen nach den Wahlen gab es Feste aber auch Aufstände in den Straßen.

Generell finde ich, dass die Menschen hier politisch sehr leidenschaftlich sind, manchmal fast aufbrausend im Klarmachen ihrer Forderungen.
So passierte es letztes Jahr, dass wir für zwei Wochen kein fließendes Wasser hatten, weil die Arbeiter am Fluss Tuapi, woher unser Wasser kommt, streikten und dadurch auch die Stromversorgung beeinträchtigt wurde.
Letztens wollte ich wie des Öfteren einmal Post nach Deutschland schicken. Leider musste ich meine Briefe wieder mit nach Hause nehmen, weil einige Männer das Rathaus besetzt hatten und niemanden weder hereinrein noch hinausließen.
Auch die Uni wurde im letzten Jahr besetzt, als eine von den Studenten gewählte Vertretung von der Direktorin nicht anerkannt wurde. Einige Studenten traten in den Hungerstreik und fackelten ein Gebäude auf dem Gelände der Hochschule ab. Wochenlang fiel daher der Unterricht aus und die Menschen waren sichtlich angespannt.
Die Krönung der Unruhen in meiner Stadt Puerto Cabezas kamen auf, als mehrere Häftlinge des Gefängnisses der Stadt gegen die schlechten Haftbedingungen und falsche Verurteilungen protestierten, einen Polizisten als Geisel nahmen und schließlich aus dem Gefängnis freigelassen wurden.

Vorfälle dieser Art werden lang und breit im örtlichen Fernsehsender gezeigt und die Journalisten und das Kamerateam lassen es sich auch nicht nehmen, besonders nah draufzuhalten, wenn es Blut oder Verletzte zu sehen gibt.
So ist es der Fall, dass wenn man einige Male Nachrichten aus Managua, der Hauptstadt, sieht, man Angst bekommt, dass das Leben dort nur aus Straßenschießereien, Raubüberfällen und Vergewaltigungen besteht.
Ja, die nicaraguanische Nachrichtenerstattung ist vor allem eins – erbarmungslos; und für mich war es am Anfang gewöhnungsbedürftig nicht allein von einem Unfall unterrichtet zu werden, sondern auch jede einzelne Wunde in Nahaufnahme vor die Bildröhre gesetzt zu bekommen.

Was ich jedoch vor allem positiv sehe sind die vielen politischen Diskussionen, die bis zum heutigen Tag zustande gekommen sind, vor allem mit meinem Gastpapa, und der Austausch und die Reflektionen, die dadurch zustande gekommen sind.

Freitag, 9. März 2012

„Vamos dibujando el camino“ – Lasst uns den Weg weiterzeichnen! (Halbjahresrückblick I)


Es ist nicht wichtig, wohin die Reise geht.
Es kommt darauf an, was du von ihr mitnimmst.

Und so kann sich niemand sicher sein, wo wir, wo Lateinamerika, wo Nicaragua in der Zukunft stehen werden.
Es kommt darauf an, weiterzugehen, mit aller Kraft und allem Tatendrang, weil dieses Land es wert ist, gehört, geheilt und verstanden zu werden.
Ein Land, mit hohen rauchenden Vulkanen, blauen Lagunen, traumhaften Karibikstränden und wilden Flüssen.
Ein Land, heimgesucht von Bürgerkriegen, politischer Instabilität, Hurrikans und Kleinkriminalität.
Ein Land voll bunter Gesichter, voll Idealisten und Armen, voll Hoffnung und Leid.
Ein Fleck Erde, in den ich mich erst mit der Zeit verliebt habe, mit all seinen Fehlern und Möglichkeiten, seiner Abschreckung und Annahme.
Ein Land, das lebendig ist und atmet!
Und dem ich helfen möchte, weiterzugehen.
Ein Land, ein Leben, so unglaublich anders vom bisher geführten.

Rückblick.
Seit sechs Monaten lebe ich nun schon in Nicaragua. Seit fünf Monaten an der Karibikküste in der verarmten Hafenstadt Puerto Cabezas, einem Ort voll von ethnischen Schmelztiegeln, voller Seitenblicke, Müll und Palmen.
So hautnah - Vanille und Schokolade
Die letzten sechs Monate waren nicht immer frei von Schwierigkeiten, aber wenn ich kurz innehalte, um die Zeit anzuhalten, merke ich, welch eine Fuelle mir dieser Lebensabschnitt eigentlich gegeben hat, wie viel ich jeden Tag erleben darf, wie sich Dinge verändern und Worte andere Bedeutungen für mich bekommen und welch eine Menge ich hier eigentlich bewegen und helfen kann.
Es ist ein unglaubliches Glücksgefühl, diese Arbeit zu machen, sich auf all das einzulassen und hinter all dem Formalen immer den Menschen zu sehen, den Menschen, der mehr ist als die Summe seiner Teile und der gehört werden muss!

Eine komplett andere Welt und hinzu gerade deshalb eine unglaublich faszinierende, das ist Nicaragua, beziehungsweise Puerto Cabezas, für mich.
Bei unserer Ankunft hatten wir es zunächst nur mit äußeren Unterschieden zu tun.
Dass man hier für fast alles den Preis aushandeln kann, ein Taxi mit einer Handbewegung herwinkt, die für uns Europäer „Geh weg“ heißt und dass man AUF KEINEN FALL Klopapier in die Toilette wirft, daran haben wir uns verhältnismäßig schnell gewöhnt.
Mit der Zeit erkannten wir jene Unterschiede, bei denen man zunächst ein wenig an der Oberfläche kratzen muss, um sie freizulegen.
Ich denke, es ist zu wenig Zeit, um dieses Land, diese Gesellschaft hier an der Küste, ihre Kultur, ihre Bräuche und vor allem ihre unglaublichen Widersprüche vollkommen begreifen zu können.
Aber es lohnt sich, so viel mitzunehmen, wie man bereit ist zu tragen, und zu reflektieren, wenn es Zeit dazu wird.

Mit den folgenden fünf Einträgen, begleitet von Zitaten von „Calle 13“ (Latinoamérica) möchte ich einen generellen Rückblick über mein Nicaragua des ersten Halbjahres geben und seine Unterschiede zu meinem Herkunftsland


„Trabajo bruto pero con orgullo, 
aquí se comparte, lo mio es tuyo“ 
(Ich arbeite brutto aber mit Stolz, hier teilt man,  was mein ist, ist auch dein)

Esskultur, Ernährungsweise und die Armut

Auf dem Zwischenseminar wurde einmal gesagt, dass Worte für Dinge, die wir benutzen, nach unserem Freiwilligendienst eine andere Bedeutung haben werden. Und so ist es.
Ich mache hier die Erfahrung, in einem Entwicklungsland zu leben, dem zweitärmsten ganz Lateinamerikas und es stimmt: Manche Menschen hier haben KEIN Essen und sie leben nicht weit weg und ich kann sie nur im Fernsehen teilnahmslos bemitleiden, nein, diese Menschen leben hier, in meiner Nachbarschaft und ich sehe ihre Kinder am Brunnen Wasser holen.

Kinder beim Wasserholen in Puerto Cabezas
Essen, dieses Wort, hat hier eine ganz andere Bedeutung, weil es für manche Leute ein täglicher Kampf ist, Reis und Bohnen zu kaufen.
Wenn man also kann, isst man hier dreimal am Tag warm. Die Hauptnahrungsmittel sind Reis und Bohnen,  die man meistens mischt und das berühmte „Gallo Pinto“ entstehen lässt. 
Gallo Pinto bei meiner Gastfamilie
Es gibt hier viele Sorten von Gemüse, die wir in Deutschland nicht kennen, z.B. Yuca, Fruta de Pan (Brotfrucht) und Quekiske, die frittiert wirklich köstlich schmecken.
Auch Kochbananen, sogenannte „plátanos“, die nicht süß sind, dienen als Beilage für Speisen.
Allgemein wird hier viel mit „aceite“ (Maisöl) gekocht, es wird viel frittiert oder gegrillt.



eine Schildkrötenflosse in unserer Küche
Da wir hier am Meer leben, gibt es oft Fisch, Shrimps und leider auch Schildkröte und die Leute verstehen es hier wirklich, diese Dinge zuzubereiten, als Suppen, frittiert, in Tomatensoße oder einfach so angebraten –herrlich.
Auch Speisen mit Kokos sind hier mit von der Partie und Brot, das es leider nur in weicher, weißer Form gibt, enthält Kokosmilch.
Viele Dinge hier an der Küste sind von der „temporada“, d.h. der Saison abhängig.


Frisch geernete Kokosnuss auf der Finca
Auch wenn Nicaragua ein Bananenexporteur ist, gibt es nicht immer welche auf dem Markt und auch Gemüse, von dem es hier kein große Vielfalt gibt, muss meistens von der Pazifikküste hierher transportiert werden.
Der Markt hier gefällt mir. Er besteht aus kleinen Gässchen gefüllt mit Waren und Menschen und überdacht von Plastikplanen. Man muss sich hier im Chaos erst einmal zurechtfinden, dann lässt man sich aber vom Trubel und Handeln treiben und streift durch die engen Sträßchen.
Es stimmt, dass ich hier viele Speisen vermisse, vor allem das Frische wie Salate oder Joghurt mit Früchten und natürlich Käse! Andererseits genieße ich die Meeresfrüchte, den Reis und die Speisen und Backwaren mit Kokos.

Eimer im Bad meiner Gastfamilie
Wasser ist noch so ein Thema in Nicaragua.
Fließendes Wasser gibt es hier alle drei Tage für einige Stunden. In dieser Zeit werden die großen Eimer und Tonnen gefüllt und man hat manchmal die einzigartige Möglichkeit mit fließendem Wasser zu duschen und nicht zu schöpfen! Sonst ist man auf das Brunnenwasser angewiesen  und muss es in Eimer füllen, wenn man duschen oder Wäsche waschen will. Das Leitungswasser wird hier von vielen Einwohnern getrunken, jedoch ist es für Menschen, die nicht daran gewöhnt sind, Parasiten in ihrem Magen oder Darm zu beherbergen, höchst schädlich. So haben sich schon viele Freiwillige Parasiten bzw. Amöben eingefangen, eine höchst unschöne Angelegenheit, die eine Antibiotikabehandlung mit sich zieht.

Reis, Yuca, Hühnchen, Kartoffel  - Mittagessen 

Was einem hier auffällt, ist dieses Verhalten, alles zu teilen, eben vor allem das Essen.
Wenn ein kleiner Kuchen gebracht wird, bekommt jeder ein Stückchen, sei es auch noch so klein. Meine Gastfamilie lässt mich wirklich von allem probieren, was sie zu bieten haben.
Wenn man jemandem Leckereien mitbringt, verteilt er diese in der ganzen Familie und schickt sogar noch etwas davon an seine Verwandten. So ist mein Weihnachtsgebäck bis auf eine Finca am Río Coco gelangt und wurden dort von Connys Vater verspeist.
Dies fördert auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl und strahlt für mich Solidarität aus, auch in der Familie. Ich liebe es!
Gastmama Salomé beim Tortenschneiden und Verteilen an ihrem Geburtstag